Die Kunst der kleinen Schritte

Heute bin ich mir selbst endlich wieder ein Stück näher gekommen. Und es war ganz einfach. Gar nicht so eine große Sache, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte. Und es hatte praktische Auswirkungen: Ich konnte mich ganz nüchtern dem zuwenden, was ansteht.
Ich hatte mich in letzter Zeit viel mit meiner Zukunft beschäftigt, und mir war klar geworden, dass es mir an einer inneren Ausrichtung fehlte. Ich war mir nicht sicher, was ich eigentlich, wirklich wollte im Leben. Ich hatte zwar Ideen, aber ich traute ihnen nicht, weil ich keine oder nur wenige, oberflächliche Gefühle mit ihnen verband.

Ich hatte mit Freunden und Psychotherapeuten geredet. Dadurch waren mir die Fragen deutlicher geworden: Was will ich? Woher weiß ich, was ich will? Was kann ich aus vollem, tiefsten Herzen bejahen? Antworten aber waren keine aufgetaucht.

Heute morgen dann, an einem meiner letzten Ferientage, lag ich im Bett, und mir fiel eine Übung ein, die ich vor längerer Zeit in einem Seminar kennen gelernt hatte. Es war so einfach. Ich hörte einfach auf mein Herz.

Erst war es mir fast unmöglich, meinen Herzschlag zu hören oder zu spüren, obwohl ich die Hände zur Hilfe nahm. Ich war mir einfach nicht sicher, was es war, das ich da spürte. Außerdem gingen mir viele Gedanken durch den Kopf, das war wie der Lärm von vielen Menschen in einer Mensa - man kann sich schon auf ein Gespräch konzentrieren, aber es ist anstrengend, und oft geht im allgemeinen Lärm ein Satz unter.

Ich schweifte oft ab in die Gedanken, hing ihnen nach, bis mir einfiel, dass ich ja auf mein Herz hören wollte. Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Herzschlag zu, den ich ganz allmählich dann doch in meinem Körper hören und spüren konnte. Langsam löste sich auch Anspannung in der Brust, dadurch konnte ich dann die Druckwellen im Brustkorb auch besser spüren.

Damals, bei der Übung, war mir irgendwann das Klopfen des Herzens wie eine Stimme erschienen, die zu mir gesprochen hatte. So etwas geschah aber heute nicht, und irgendwann brach ich die Übung enttäuscht ab. Gerade wollte ich aufstehen, als mir einfiel, dass ich mich ja einfach dem zuwenden könnte, was jetzt da war. Und was war das? Eine Schwere im Herzen, eine Traurigkeit.

In letzter Zeit war mir das schwer gefallen, bei meinen Gefühlen zu verweilen. Aber jetzt, nachdem ich eine Weile meinem Herzschlag zugehört hatte, ging es gut, es war ganz schlicht das Naheliegendste, was ich tun konnte. Ich blieb einfach mit meiner Aufmerksamkeit bei der Traurigkeit, die ganz schlicht und nüchtern und still war.

Und dann, plötzlich, schwang ich die Füße über die Bettkante, stand auf, und fühlte mich frisch und klar, und wusste, was ich als nächstes tun konnte: Ein paar Anrufe, ein bisschen lernen, ein bisschen schreiben.

Inzwischen habe ich schon wieder viel gedacht, und meinen Gefühlen weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Aber ich habe mich daran erinnert, dass dies im Augenblick für mich der einzige Weg ist, weil alles andere nicht funktioniert. Also werde ich es einfach wieder machen. Und wieder.

Und irgendwann schaue ich vielleich zurück, und meine Zukunft wird als Vergangenheit hinter mir liegen, und ich werde sie gelebt haben, Tag für Tag.